Über 40 Gelenke pro Humanoider: Warum deutsche Zulieferer am Roboter-Boom verdienen können

- Ein humanoider Roboter braucht über 40 Gelenke, ein klassischer Industrieroboter sieben — je Gelenk Motor, Getriebe, Lager und Sensor.
- Fraunhofer IPA und P3 sehen deutsche und europäische Zulieferer bei diesen Bauteilen im Vorteil und rechnen bis 2030 mit rund 27 Milliarden Euro Marktvolumen.
- Schaeffler hat ein Wellgetriebe für Robotergelenke vorgestellt, Bosch und Schunk arbeiten seit Juni 2026 gemeinsam an einer Roboterhand.
- Risiko: Zulieferketten entstehen meist rund um die Hersteller — und die sitzen überwiegend in China.
In der ersten Hälfte des Jahres 2026 wurden rund 19.100 humanoide Roboter ausgeliefert, der weit überwiegende Teil davon aus China. Europa spielt bei den fertigen Maschinen kaum eine Rolle. Eine Analyse von Fraunhofer IPA und der Beratung P3 kommt zu einem anderen Schluss: Verdienen lässt sich auch mit den Teilen, die in jedem dieser Roboter stecken.
Worum es geht. Ein klassischer Industrieroboter kommt mit sieben Gelenken aus. Ein humanoider Roboter braucht mehr als 40. Hinter jedem Gelenk steckt ein Bündel klassischer Mechanik: Motor, Getriebe, Lager und Sensor. Genau das ist das angestammte Geschäft deutscher und europäischer Automobilzulieferer — und genau dort sehen die Autoren des Fachberichts die größten Chancen. Vincent Bezold, Geschäftssegmentleiter Automatisierte Fertigungssysteme beim Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA), sagt: „An sich sind die Potenziale in der deutschen und europäischen Zulieferkette sehr groß."
Die Zahlen dahinter. Das IPA geht für 2030 von einem Marktvolumen von rund 27 Milliarden Euro aus. Für die Stückzahlen stützt sich die Analyse auf Daten des Forschungsunternehmens Smart Analytics Global: rund 19.100 ausgelieferte Humanoide im ersten Halbjahr 2026, davon 97 Prozent aus China. Für das Gesamtjahr 2026 erwarten die Forscher etwa 60.000 Maschinen, bis 2030 eine halbe Million. Allein AgiBot aus dem Großraum Shanghai hat 8.400 Einheiten geliefert.
Was deutsche Hersteller schon liefern. Schaeffler aus Herzogenaurach hat im August 2026 ein Wellgetriebe vorgestellt, ein hochpräzises Spezialgetriebe für Robotergelenke. Nach Unternehmensangaben sinken die Produktionskosten um mehr als 25 Prozent und der Materialverbrauch um mehr als 75 Prozent; die Serienproduktion soll Mitte 2027 starten. Für die Aktoren-Plattform in Schulter, Ellbogen und Knie hatte Schaeffler im April auf der Hannover Messe den Hermes Award erhalten. Nach Einschätzung des Unternehmens machen Aktoren rund die Hälfte der Gesamtkosten eines humanoiden Roboters aus. Bosch und Schunk wiederum arbeiten seit Juni 2026 gemeinsam an einer Roboterhand, die sich in verschiedene Robotersysteme integrieren lässt — Schunk seit rund 20 Jahren in der Greiftechnik, Bosch in Feinmechanik, Elektronik und Software.
Das heißt konkret: Der Engpass ist nicht das Können, sondern der Kundenkontakt. Zulieferketten wachsen meist rund um die Fabriken der Hersteller. Weil die meisten Humanoiden heute in China gebaut werden, entstehen die Strukturen dort — ähnlich wie in Deutschland rund um die Automobilindustrie. Bezold nennt deshalb den Zugang zu den Roboterherstellern das größte Defizit für europäische Zulieferer. Ein zweiter Punkt kommt hinzu: Sebastian Reitelshöfer von der Universität Erlangen-Nürnberg verweist auf die Haltbarkeit. Einzelne Komponenten chinesischer Vorzeigemodelle hielten unter hoher Last nur wenige Wochen, während europäische Konzepte aus der Automobilbranche deutlich länger durchhielten.
Was das für Ihr Unternehmen heißt. Wer heute Getriebe, Motoren, Lager oder Greifer fertigt, hat die Maschinen und die Qualitätsprozesse bereits. Entscheidend ist, früh als Lieferant in den Referenzarchitekturen der Roboterbauer aufzutauchen — bevor die Bauteile festgeschrieben sind. Der VDMA empfiehlt in seiner Studie „Humanoid Robotics 2040" genau das: sich früh an der Lieferkette beteiligen und als Anwender auch Projekte mittragen, deren Ergebnis noch nicht vollständig feststeht. Bezold formuliert die Gegenposition ebenso klar: „Wir brauchen selbst mehr Hersteller humanoider Roboter in Europa."
| Gelenke je Humanoid | über 40 |
| Gelenke je Industrieroboter | 7 |
| Je Gelenk | Motor, Getriebe, Lager, Sensor |
| Auslieferungen H1 2026 | rund 19.100 Stück, 97 % aus China |
| Erwartung 2026 | rund 60.000 Humanoide |
| Marktvolumen 2030 | rund 27 Mrd. € (IPA/P3) |
| Aktoren-Anteil an Kosten | rund 50 % (Schaeffler) |
| Serienstart Schaeffler-Getriebe | Mitte 2027 |
Alle Mengen- und Umsatzprognosen stammen von Analysten und Instituten, nicht aus bestätigten Auftragsbüchern. Angekündigte Serienstarts können sich verschieben, und ob chinesische Hersteller europäische Komponenten in Serie einkaufen, ist offen.
Fenster schließt sich schnell
Europa wird den Humanoiden-Markt nicht über fertige Roboter gewinnen, aber möglicherweise über die Teile darin. Wer heute Motor, Getriebe oder Greifer fertigt, sollte in den nächsten Monaten klären, welche Bauteile in künftigen Roboterarchitekturen gesetzt sind — und mit welchem Hersteller er daran arbeitet. Danach werden die Referenzdesigns vergeben.
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