Wandercraft will rund 100 Mio. € ein — Renault plant 350 Calvin-Humanoide bis Ende 2027

- Wandercraft (Paris) verhandelt nach Bloomberg-Informationen über rund 100 Mio. € frische Finanzierung.
- Der Industrie-Humanoide Calvin-40 hebt wiederholt bis zu 40 kg und lädt am Band im Renault-Werk Douai bereits Reifen.
- Renault-Roadmap: etwa 10 Roboter bis Ende 2026, rund 350 bis Ende 2027 in französischen und spanischen Werken.
- Wandercraft kommt aus der Exoskelett-Technik: Die Atalante-Modelle sind in mehr als 100 Kliniken und Reha-Zentren im Einsatz.
Der Pariser Robotik-Hersteller Wandercraft — bislang bekannt für KI-gesteuerte Exoskelette — verhandelt nach Informationen von Bloomberg über eine Finanzierung von rund 100 Mio. €. Das Geld soll das Industriegeschäft ausbauen: Renault, Investor und erster Kunde, will bis Ende 2027 rund 350 humanoide Roboter der Baureihe Calvin in seinen Werken einsetzen.
Eine Finanzierungsrunde mit Industrie-Rückenwind
Bloomberg meldete am 2. September unter Berufung auf eingeweihte Personen, Wandercraft führe Gespräche über rund 100 Mio. € frische Mittel. Der Zeitpunkt passt zum Marktumfeld: Laut der Analyseplattform Dealroom sammelten Humanoid-Startups im ersten Halbjahr 2026 fast doppelt so viel ein wie im gesamten Jahr 2025. Renault, Amazon und Mercedes-Benz rechnen offenbar damit, dass Roboter, die auf dem Fabrikboden arbeiten, kurz vor der Serienreife stehen.
Calvin-40: Exoskelett-Erfahrung trifft Fabrikarbeit
Wandercraft bringt für den Vorstoß ein Jahrzehnt Erfahrung mit selbstbalancierenden, medizinischen Exoskeletten mit: Die Atalante-Baureihe ist nach Unternehmensangaben in mehr als 100 Kliniken und Reha-Zentren weltweit im Einsatz. Die neue Calvin-Familie ist für Industriearbeit ausgelegt. Das erste Modell, der Calvin-40, entstand nach Firmenangaben in 40 Tagen, läuft auf NVIDIAs Foundation-Model Isaac GR00T N1 mit Jetson-Computing und hebt wiederholt Lasten bis 40 Kilogramm. Erste dokumentierte Aufgabe: Reifen auf das Montageband laden im Renault-Werk Douai in Frankreich — eine der körperlich anstrengendsten Tätigkeiten in der Autoproduktion.
Renault: vom Investor zum Großkunden
Renault hält seit 2025 eine Minderheitsbeteiligung an Wandercraft und ist zugleich der erste kommerzielle Kunde für Calvin. Die Roadmap ist konkret: etwa 10 Roboter bis Ende 2026, rund 350 bis Ende 2027 in französischen und spanischen Werken. Sie ist Teil des Renault-Strategieplans futuREady vom März 2026, mit dem der Konzern die Montagezeit pro Fahrzeug um 30 Prozent senken, die Produktionskosten um 20 Prozent drücken und mit KI-gestützter Qualitätskontrolle Fabrikunterbrechungen halbieren will. Industriechef Thierry Charvet sagte bei der Vorstellung: „Calvin arbeitet bereits an der Reifenlinie.“
Wer sonst noch um die Fabrikhallen kämpft
Wandercraft bewegt sich in einem hart umkämpften Feld: Figure AI sammelte nach eigenen Angaben mehr als 900 Mio. € bei einer Bewertung von rund 35 Mrd. € ein (Unterstützer: NVIDIA, Brookfield, der Startup-Fonds von OpenAI), Apptronik brachte seine Series A auf über 850 Mio. €, Agility Robotics arbeitet nach Firmenangaben mit neun Kundenstandorten (unter anderem GXO und Toyota) und steuert auf eine Bewertung von rund 2,3 Mrd. € zu. In Deutschland testen BMW (mit Hexagons AEON) und Tesla (im Werk Grünheide) ebenfalls Humanoide. Wandercrafts Unterscheidungsmerkmal: ein Jahrzehnt Exoskelett-Engineering vor der ersten ausgelieferten Calvin-Serie — und ein Großkunde, der zugleich Miteigentümer ist.
Was die Runde bedeutet
Sollte die Finanzierung über rund 100 Mio. € zustande kommen, wäre sie ein mittelgroßer Baustein in einem milliardenschweren Markt — symbolisch aber wichtig: Erstmals plant ein europäischer Autokonzern eine dreistellige Humanoid-Flotte für die Serienproduktion, und der Lieferant kommt aus Frankreich, nicht aus China oder den USA. Für deutsche Zulieferer und Maschinenbauer ist Renault damit ein Referenzprojekt in der eigenen Industrie — und ein Maßstab dafür, wie schnell sich Humanoide von Piloten zu planbaren Produktionsressourcen entwickeln. Die offenen Fragen bleiben: ob Wandercraft die Runde abschließt, ob die 350 Roboter bis Ende 2027 tatsächlich an den Linien stehen und ob sich die versprochenen Kostensenkungen im Dauerbetrieb bestätigen.
| Unternehmen | Wandercraft, Paris (Exoskelett-Pionier) |
| Erstes Industriemodell | Calvin-40 (nach Firmenangaben in 40 Tagen aufgebaut) |
| Steuerung | NVIDIA Isaac GR00T N1 (Foundation-Model) + Jetson |
| Nutzlast | bis 40 kg, wiederholt |
| Einsatz heute | Reifen auf Linie laden, Renault-Werk Douai (Frankreich) |
| Renault-Plan | rund 10 Roboter Ende 2026, rund 350 bis Ende 2027 (Frankreich/Spanien) |
Die Finanzierung ist noch nicht fix: Bloomberg beruft sich auf eingeweihte Personen, Wandercraft hat nichts bestätigt. Die Planung von 350 Robotern stammt aus Renaults Strategie-Ankündigung vom März 2026; der Zwischenstand (rund 10 Roboter Ende 2026) ist öffentlich nicht belegt. Angaben zu Nutzlast, Bauzeit und Steuerung sind Herstellerangaben.
Unsere Einordnung
Die Kombination ist das eigentlich Bemerkenswerte: ein Exoskelett-Spezialist mit klinischer Serienpraxis, ein Autokonzern als Miteigentümer und Erstkunde, eine dreistellige Flottenplanung in Europa. Sollte Wandercraft die Runde abschließen und Renault die 350 Roboter bis Ende 2027 erreichen, wäre das der bislang größte angekündigte Humanoid-Einsatz eines europäischen Herstellers — und ein Signal an die ganze Zulieferindustrie.
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